Beim Lesen von Texten einen kluugen Kopf behalten
Die Grundlagen und die Automatisierung des Lesens wurden in den vorherigen Spielen von kluug bereits eingeübt (mehr dazu in Teil 1 und Teil 2), nun steht die nächste große Herausforderung an: das sinnentnehmende und strategische Lesen. Erst wenn die grundlegenden Teilprozesse des Lesens sicher beherrscht werden – also das Erkennen von Buchstaben, Silben und Wortstrukturen – kann der Fokus auf das Verstehen zusammenhängender Sätze und Texte gerichtet werden. Genau hier setzen die Spiele 6, 7 und 8 von kluug an: Sie unterstützen Kinder dabei, Bedeutungen aus Sätzen zu erschließen, Texte gezielt zu erfassen und Lesestrategien zu entwickeln. In einem Beitrag des Sammelbandes Literarische Texte lesen – Texte literarisch lesen. Festschrift für Cornelia Rosebrock aus dem Jahr 2024 beleuchten Prof. Dr. Steffen Gailberger und Dr. des. Gerrit Helm, welche maßgeblich an der Entwicklung von kluug beteiligt waren, die wissenschaftlichen Grundlagen und die praktische Umsetzung der drei Lernspiele auf Satz- und Textebene, die nun im Detail genauer betrachtet werden.
Spiel 6: Arena
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Das Lesen eines Satzes bedeutet weit mehr als nur Wort für Wort aneinanderzureihen. Vielmehr müssen Lesende die Wörter in sinnvolle Strukturen gliedern und erkennen, welche Wörter andere ‚regieren‘, also welche Beziehungen zwischen ihnen bestehen. So ist es für das Verständnis eines Satzes wie Die Katze jagt den Hund entscheidend, das Verb als Satzkern zu identifizieren und zu erfassen, welche Satzteile es benötigt. Gleichzeitig spielt die Kasusmarkierung eine zentrale Rolle: Sie zeigt an, wer handelt und wer betroffen ist – eine Fähigkeit, die für das sinnverstehende Lesen unerlässlich ist. Im genannten Beispiel zeigt die Kasusmarkierung an, dass die Katze auf der Jagd nach dem Hund ist und nicht umgekehrt. Doch damit endet der Leseprozess nicht. Der nächste Schritt ist die sogenannte lokale Kohärenzbildung: die Fähigkeit, Sätze sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Um Texte wirklich zu verstehen, müssen Leser*innen erkennen, wie Informationen über mehrere Sätze hinweg zusammenhängen – sei es durch Wiederholungen, thematische Bezüge oder übergeordnete Bedeutungsrahmen. Studien zeigen, dass viele Schüler*innen genau hier noch Förderbedarf haben. Deshalb ist es wichtig, gezielt Strategien zu vermitteln, die das syntaktische und kohärente Lesen unterstützen (vgl. Gailberger/Helm 2024: 160ff).
Didaktische Umsetzung:
Genau hier setzt Spiel 6: Arena an: Mit kniffligen Sätzen fordert ein Bücherwurm die Schüler*innen heraus und will sie sprachliche in die Falle locken. Zu Beginn präsentiert er einfache Sätze – manche korrekt, andere mit syntaktischen Fehlern (bspw. *Die springt Katze auf den Baum.). Die Aufgabe der Lernenden ist es, zu entscheiden, ob in den Sprechblasen des Bücherwurms korrekte Sätze der deutschen Sprache stehen oder nicht. Sie setzen sie sich somit aktiv mit Satzstrukturen auseinander und reflektieren über Sprache (vgl. Gailberger/Helm 2024: 162).
Im weiteren Verlauf steigert sich die Komplexität: Der Bücherwurm stellt nun längere Sätze mit Einschüben und Nebensätzen vor. Hier müssen die Schüler*innen nicht nur grammatikalische Regeln anwenden, sondern auch eine lokale Kohärenz herstellen, indem sie Satzbeziehungen richtig deuten. Unterstützt werden sie dabei durch visuelle und auditive Hilfen, die ihnen helfen, wohlgeformte Satzmuster zu erkennen und ihr Sprachbewusstsein zu schärfen (vgl. Gailberger/Helm 2024: 162). Zudem werden den Lernenden später auch Prototypensätze nach einem bestimmten syntaktischen Muster präsentiert, welche sie mit einem anderen Satz vergleichen müssen. Die Schüler*innen werden hier direkt aufgefordert, die syntaktische Struktur eines Satzes zu betrachten und mit anderen Sätzen zu vergleichen. Sie müssen entscheiden, ob der einzelne Satz dem gleichen Muster folgt oder ein anderes Muster bzw. einen anderen syntaktischen Aufbau aufweist. So führt Spiel 6: Arena spielerisch an die anspruchsvollen Prozesse des strategischen und sinnentnehmenden Lesens heran – und macht es zugleich zu einem spannenden Abenteuer.

Abb. 1: Spiel 6: Arena – Syntax vergleichen

Abb. 2: Spiel 6: Arena – korrekte oder fehlerhafte Syntax?
Spiel 7: Gecheckt!
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Beim Aufbau globaler Kohärenz müssen Leser*innen Zusammenhänge über mehrere Absätze hinweg erkennen. Dafür ist es entscheidend, Schlüsselwörter zu identifizieren und in Beziehung zueinander zu setzen. Während viele Lesestrategien auf eine präzise Definition von Schlüsselwörtern verzichten, verfolgt kluug einen klaren Ansatz: Schlüsselwörter sind entweder Begriffe, die ein Thema am Absatzanfang einführen, oder Wörter, auf die mehrfach Bezug genommen wird und die so zentrale Bedeutung für den Text gewinnen. Im schulischen Unterricht wird diese Teilkompetenz oft durch das Formulieren passender Zwischenüberschriften gefördert. Indem Schüler*innen einzelne Absätze zusammenfassen und deren Verbindung erkennen, entsteht der sogenannte ‚rote Faden‘ eines Textes – eine essenzielle Strategie für das sinnverstehende Lesen (vgl. Gailberger/Helm 2024: 163f).
Didaktische Umsetzung:
In Spiel 7: Gecheckt! lernen die Schüler*innen, wie Informationen innerhalb eines Absatzes miteinander verknüpft sind und welche zentrale Rolle diese Bezüge für das Textverständnis spielen. Hierzu sind in einem Sachtext oder einer Geschichte verschiedene Informationen hervorgehoben und miteinander verbunden. Neben dem Text befinden sich vier verschiedene Monster mit unterschiedlichen Aussagen. Die Aussagen von drei Monstern passen zu jeweils einer Information im Text. Eine Aussage bzw. ein Monster passt jedoch zu keiner Information im Text. Die Schüler*innen müssen nun herausfinden, welche Monster bzw. welche Aussagen zu den im Text markierten Informationen passen und welches Monster nicht zum Text gehört. Dazu markieren sie die miteinander verbundenen Informationen in der jeweiligen Farbe des dazugehörigen Monsters. Falls die Zuordnung richtig war, wird das Level bestanden. Bei einer falschen Zuordnung erhalten die Schüler*innen eine weitere Chance, bevor das Level als nicht bestanden gewertet wird.
Mit steigendem Schwierigkeitsgrad müssen die Lernenden nicht nur Bezüge innerhalb eines Absatzes erkennen, sondern auch über mehrere Absätze hinweg Verbindungen herstellen. Anfangs hilft das Spiel noch mit vorgegebenen Verbindungslinien, später müssen die Schüler*innen diese eigenständig setzen, indem sie hervorgehobene Wörter und Textstellen miteinander in Verbindung setzen. Durch diesen schrittweisen Aufbau entwickeln sie die Fähigkeit, den ‚roten Faden‘ eines Textes zu erkennen. Das Spiel orientiert sich an bewährten Lesefördermethoden wie der Meisterlesermethode oder Lesen mit Stiften. So werden die Schüler*innen gezielt dazu angeleitet, lokale und globale Kohärenz herzustellen und die Struktur eines Textes aktiv zu erschließen – eine Schlüsselkompetenz für erfolgreiches sinnentnehmendes Lesen (vgl. Gailberger/Helm 2024: 164).

Abb. 3: Spiel 7: Gecheckt!
Spiel 8: Im Labyrinth der Rätsel
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Wer die verschiedenen Leseanforderungen aus den Spielen 1 bis 7 erfolgreich gemeistert hat, steht nun vor der letzten Herausforderung: dem Aufbau eines Mentalen Modells. Dieses innere Strukturgitter hilft dabei, den gesamten Inhalt oder Sachverhalt eines Textes zu erfassen und mit dem eigenen Vorwissen zu verknüpfen. Mentale Modelle sind nicht nur beim Lesen relevant – sie entstehen immer dann, wenn wir komplexe Informationen verarbeiten. Schon vor der ersten gelesenen Zeile haben wir eine vorläufige Vorstellung über den Text basierend auf seinem Titel, Thema oder Genre. Während der Lektüre wird diese Vorstellung kontinuierlich erweitert, verfeinert oder angepasst, sodass am Ende der Geschichte ein Mentales Modell entsteht, das sowohl auf dem Text selbst als auch auf dem vorhandenen Vorwissen basiert und dadurch weiterentwickelt wird (vgl. Gailberger/Helm 2024: 166).
Ein vollständiges Mentales Modell eines (literarischen) Textes umfasst laut kognitionspsychologischer Forschung fünf zentrale Aspekte:
- Ort der Handlung
- Zeit des Geschehens
- Hauptfiguren und deren Gegenspieler
- Handlungskern der Geschichte
- Textintention – also die übergeordnete Aussage oder Absicht des Textes
Besonders die Textintention erschließt sich oft erst nach und nach – manchmal erst im letzten Satz. Je nach Textsorte kann sie beispielsweise informieren (Zeitungsbericht), zur Reflexion anregen (Kommentar) oder eine Handlungsoption vorschlagen (z. B. Weltoffenheit in Jim Knopf) (vgl. Gailberger/Helm 2024: 166). Wer einen gelesenen Text inhaltlich klar erfassen, mit Vorwissen anreichern und seine Intention nachvollziehen kann, hat ein tragfähiges Mentales Modell entwickelt – eine essenzielle Fähigkeit für tiefgehendes Leseverstehen.
Didaktische Umsetzung:
Das Spiel 8: Im Labyrinth der Rätsel nimmt die Schüler*innen mit auf eine spannende Reise durch ein Escape-Room-ähnliches Szenario. Hier müssen sie ihr Leseverstehen gezielt einsetzen, um verschlossene Türen und Tore zu öffnen. Dabei gilt es, zentrale Aspekte eines tragfähigen Mentalen Modells zu erfassen. Nach der Lektüre eines Textes beantworten sie fünf Fragen – jeweils eine zu Ort, Zeit, Figuren, Handlungskern und möglichen Textintentionen. Hierzu ziehen sie ihre Spielfigur auf die Antwortmöglichkeiten. Die Fragen sind allerdings so gestellt, dass von den Schüler*innen angegeben werden muss, was nicht Bestandteil des Textes ist. Diese Modifizierung des klassischen Quizformates dient dazu, dass den Lernenden nicht das eine richtige Mentale Modell vorgegeben wird und sie durch die falschen Antworten auf die richtige Antwort schließen können, wie es bei anderen Förderanwendungen der Fall ist. Dieser Ansatz ermöglicht es den Schüler*innen, ein tiefergehendes, diverses Textverständnis zu entwickeln. Indem sie nicht nur nach einer einzigen Interpretation suchen, sondern verschiedene Perspektiven in Betracht ziehen, reflektieren sie über die Intentionen eines Textes und erkennen, dass literarische Werke mehrdeutig sein können. So fördert das Spiel nicht nur das Leseverstehen auf Mentaler Modellebene, sondern auch die Fähigkeit, Texte kritisch zu hinterfragen und in einen größeren Kontext einzuordnen (vgl. Gailberger/Helm 2024: 167).
Durch das schrittweise Beantworten der Fragen und die mögliche Diskussion mit Partner*innen im Mehrspielermodus wird das eigene Mentale Modell stetig weiterentwickelt. Dies stärkt die kognitive Verarbeitung von Texten und hilft den Schüler*innen, ein tieferes Verständnis für die Struktur und Aussagekraft von Geschichten zu erlangen.

Abb. 4: Spiel 8: Im Labyrinth der Rätsel
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Literatur
Gailberger, S., Helm, G. (2024): kluug das Lesen fördern. Digitale systematische Leseförderung für die Grundschule. In: Carl, M.-O., Jörgens, M., Schulze, T. (Hrgs.): Literarische Texte lesen – Texte literarisch lesen: Festschrift für Cornelia Rosebrock. Berlin: Springer Berlin Heidelberg. S. 143-172.